Freitag, November 09, 2012

Ostalgie - und warum ich sie geniesse

Als im Westen geborener und aufgewachsener Norddeutscher war ich in meiner Kindheit und Jugend immer mal wieder zu Besuch bei meiner Oma in einer kleinen Stadt bei Leipzig. Egal ob mit dem Auto oder im Zug, die Grenzkontrollen der DDR fand ich fast immer einschüchternd. Auch die trostlos leeren Warenregale in den Geschäften mit den glanzlos verpackten wenigen Dingen waren durchaus ein Schock. Und dann die militärisch anmutenden Bezeichnungen: „Getränke-Stützpunkt“ beispielsweise.
Aber schon die Lebensmittel und ihre schlichten Verpackungen liessen den elementaren System-Unterschied erahnen: der Inhalt war umso einzigartiger und leckerer. Ich erinnere mich noch, dass ich den anderen Geschmack der DDR-Cola und -Brause gerne mochte; und auch das DDR-Speiseeis am Stil, welches wir Kinder in farblos schäbig wirkenden Tante-Emma-Läden bekamen, wo wir es uns von einer ganz kleinen Eistafel aussuchten und das nicht in farbig bedruckter Alufolie verpackt war, wie unser West-Eis, hatte einen markanten Eigengeschmack, den ich gerne mochte.

Den grössten Aha-Effekt bezüglich BRD und DDR erlebte ich als Kind vielleicht bei meinem ersten Kinobesuch „drüben“. In einem schäbigen grauen Bau hatte ich wohl einen ähnlich langweiligen Film erwartet. Ich zahlte ein paar Pfennige Eintritt und kam in einen Spielfilm für Kinder, den ich überraschend witzig fand und der zu meiner doppelten Überraschung aus dem Westen kam: nämlich eine Folge der dänischen Serie „Die Olsenbande“.  Doppelte Überraschung, weil ich nicht erwartet hätte, dass die Kinder in der DDR Westfilme gucken dürfen, dass die DDR für Dinge Devisen ausgibt, die der Osten selbst produziert und bekanntlich sogar in besserer Qualität als der Westen (wie beispielsweise die tschechischen Kinder- und Märchenfilme), aber vor allem war ich sehr überrascht, dass ich als Kind im Westen noch nie von diesen unterhaltsamen Olsenbande-Filmen gehört oder etwas gesehen hatte - weder im Fernsehen noch im Kino - obwohl doch Dänemark zum Westen gehört und sogar direktes Nachbarland ist. Dass solch ein wirklich unterhaltsamer und ideologisch unverdächtiger Kinderfilm nicht im Westen gezeigt wurde, hingegen im Osten, hat vielleicht mein Weltbild als Kind erschüttert, nämlich, dass der Westen alles Gute, Wahre und Schöne ist und hat, während der Osten nichts wirklich Attracktives zu bieten hat. Das alles sind zwar nur Kindheitserlebnisse, aber wer die Seele von Kindern verliert, verliert vielleicht auch den Rest. Mal Malala fragen? 
Im Fernsehen freute ich mich am Sonntag immer auf 16 Uhr im DDR-Fernsehen die Sendung „Zu Besuch im Märchenland" mit Meister Nadelöhr und Pittiplatsch und Schnatterienchen (das damalige Gucken des „Feindsenders“ ist zwar offiziell verjährt, aber die West-Mächtigen vergessen und vergeben nichts!).
Vielleicht lernte ich damals, dass der Westen seinen Bürgern aus irgendwelchen Gründen auch gute Dinge vorenthält und der Osten ein gutes Gespür für innere Qualitäten hat.

Nach den erlebnisreichen Wochen drüben in der DDR und zurück im Westen habe ich dann Abends an meinem Transistorradio gerne mal DDRsender eingestellt. Eine kleine Weile diese Grusssendungen, in denen junge Ostfrauen „ihren Schatz“ in der NVA grüssen, mit einem Musikstück aus dem Westen, welches dann in voller Länge gespielt wurde und in das der Moderator nicht dreist drüber- und reingequatscht hat, anders als ihre Westkollegen, um den Plattenverkauf nicht zu beeinträchtigen. Ich fand die diesbezügliche Westpraxis immer irgendwie krüppelig bzw verlogen, weil man die Leute gezielt anfixt und ihnen dann den Stoff wegnimmt, damit sie ihn teuer im Laden kaufen, und die Jungendradio-Moderatoren tun dabei so frank und frei - so verlogen ist das alles hier im Westen. Dass der Stoff, also die Musik, wirklich zu teuer ist, erkennt man sicher daran, dass die „Bauern“, also die Musiker, oft zu Multimillionären werden. Wahrscheinlich nichtmal Drogen anbauende Bauern werden so reich wie viele West-Musiker.

Nachts im Radio unter der Bettdecke hörte ich eine Zeit lang immer wieder im DDR-Funk den Namen Angela Davis. Eine prominente Schwarze in den USA, die diversen Einschränkungen durch den Staat unterworfen wurde, soviel bekam ich damals mit. Allein dass ich ihren Namen nie im West-Fernsehen oder Radio gehört habe, hat mich misstrauisch werden lassen. Konnte es sein, dass der sog. freie Westen mit seinen angeblich unabhängigen, freien Medien der Bevölkerung doch Wichtiges verschweigt?

Auch merkwürdig: als Kind habe ich drüben in der DDR mich irgendwie freier gefühlt als hier im Westen. Wie konnte das sein? Ich glaube es hatte damals auch etwas mit dem Strassenbild zu tun: es gab damals innerhalb der DDR viel weniger Zeichen, Grenzlinien und Zäune als im Westen. Eine Welt ohne Mittelstreifen auf den Strassen, ohne Grundstückszäune, ohne Trennung zwischen Radweg, Bürgersteig und Autostrasse, ohne Schilderwald am Strassenrand, also eine Welt mit fliessenden Übergängen erscheint freier, als die Welt des Westens, wo alles und jedes auch Unbedeutende vermessen, bewertet, sortiert, abgegrenzt, markiert, etikettiert, gekennzeichnet, eingeordnet, verortet, hingewiesen, verwarnt, gestattet oder freigegeben wird (auch die Hypertrophie an Begriffen für ein und die selbe Sache ist Ausdruck der Pseudo-Freiheit des Westens).

Mein letzter Besuch in der DDR war im Frühjahr 1989, also ein halbes Jahr vor dem Zusammenbruch der DDR, ohne dass ich davon etwas ahnte oder spürte. Die jungen Frauen und Mädchen drüben wirkten auf mich freier und direkter als die im Westen.

Auch ein anderes Erlebnis fand ich bezeichnend: als ich vom Bahnhof bei Leipzig zu Fuss zur Wohnung meiner Oma ging, kamen mir auf einer Brücke drei gutgelaunte, ausgelassene schwarze junge Afrikaner entgegen. Trotzdem selbst noch jung, war ich bereits ein vom westlich-faschistischen Medizinwesen gebrochener Mann. Während ich müde und unsicher meinen Weg ging, strahlten die drei jungen Schwarzen - vielleicht Angolaner oder Kubaner - Vitalität, natürlichen Stolz, Souveränität, junge Ausgelassenheit und dennoch Respekt aus, wie ich es im Westen so noch nicht erlebt hatte, und wie ich es erst vor wenigen Jahren bei jungen schwarzen Frauen drüben in Holland erlebt habe, und wie es völlig im Gegensatz zum Image vom Ostblock und DDR stand, wo angeblich alle geduckt und trübsinnig durch die Gegend laufen. Der Geduckte und Trübsinnige war ich, der Mann aus dem Westen. 

Wenn ich Kritik am Ostblock, am Sozialismus und der DDR hörte, wollte ich den DDR-Bürgern gerne zurufen: lasst euch nicht vom schönen Schein des Westens blenden, ihr habt die wichtigeren Werte! So als habe ich als Westler die „Diktatur“ der Mächtigen des Ostblocks irgendwie akzeptieren können. Hingegen jetzt bin ich nicht bereit, die Diktatur des geheimen globalen Polizeistaates zu akzeptieren. Wie geht das zusammen? Hatte ich die Situation im Ostblock akzeptabel gefunden, weil ich selbst nicht dort leben musste und erst jetzt wo mich die Diktatur selber trifft, bin ich dagegen? Um das zu klären, will ich beide Diktaturen miteinander vergleichen.

Die Diktatur im Ostblock hatte einen harten Konkurrenten, ein mächtiges, attraktives „Aussen“, nämlich den kapitalistischen, angeblich freien, Westen - der als Verheissung wahrscheinlich ständig präsent im Osten und als Fluchtziel realistisch war. Die heutige heimliche Diktatur des globalen Polizeistaates (eigentlich ein globaler Geheimdienststaat) hat kein Aussen mehr, es gibt keinen attraktiven Sehnsuchtsort ausserhalb der Diktatur mehr, nichtmal mehr die Natur, die Wildnis, die keine mehr ist - also keine Fluchtmöglichkeit in die Freiheit mehr - ausser den Tod.

Die Macht im Ostblock war öffentlich bekannt, der KGB und die StaSi waren als Machtfaktoren allen Bürgern ein Begriff. Anders im jetzigen globalen Polizeistaat, wo die Macht heimlich regiert und im Bewustsein der Bevölkerung nicht existiert.
Sich zum Ostblock zu bekennen hiess also, sich einer öffentlich bekannten Diktatur zu unterwerfen; sich zum Westen zu bekennen heisst hingegen, unwissentlich Teil einer heimlichen Diktatur zu sein. Die zweite Diktatur finde ich schlimmer, weil ihre Intransparenz sie noch weiter von Demokratie entfernt, als die Diktatur des Ostblocks. Jemand sagte mal, was wir an Diktatoren verurteilen ist nicht ihre Un-Demokratie, sondern es sind willkürliche Tötungen, was sie zu Tyrannen macht. In diesem Sinne war der Ostblock eine Diktatur, hingegen der jetzige globale Polizeistaat ist eine Tyrannei. Ich persönlich würde mit einem guten König als Diktator gemeinsame Sache machen, jedoch nicht mit einer Tyrannei. Das Problem ist vermutlich, dass gute Könige nicht lange gut bleiben können, weil die Verhältnisse sie zwangsläufig zu Tyrannen formen. Da könnte man bei Fidel Castro und Hugo Chavez fast von Glücksfällen sprechen, wenn nicht auch sie Teil des globalen Polizeistaates wären, der natürlich bei all seinem Faschismus auch gute Seiten hat, wie auch Nazideutschland nicht für alle eine Hölle war.